Die Bürgerinitiative Heimatboden.de hat sehr viel geleistet, um in der Öffentlichkeit Aufklärung zu betreiben.

WARUM ein NEIN die bessere Lösung ist, können Sie hier im Blog unter der Kategorie „Baustopp Neubaugebiete“ lesen.

Es ist kein Zufall, dass dieser Beitrag der 500ter Blogbeitrag ist. 

Heute ein Interview mit Karl-Josef Rühl:  Quelle PRESSESTIMME – Artikel aus der FNP E-Paper App, 30.07.2018

„Unsere Böden sind zu wertvoll“

Die Initiative „Heimatboden vor Frankfurt – Feld statt Beton“ wehrt sich gegen die Pläne Mike Josefs, im Nordwesten der Stadt einen neuen Stadtteil zu schaffen. Oberursel-Weißkirchen und Steinbach hätten die Frankfurter Siedlung direkt vor ihren Toren. Redakteur Thomas J. Schmidt hat mit dem Mitbegründer der Initiative, dem Weißkirchener Karl Josef Rühl, diskutiert.

Frankfurt platzt aus allen Nähten. Wir brauchen Wohnungen, und Planungsdezernent Mike Josef (SPD) will 250 Hektar im Norden der Stadt bebauen, die sogenannte Josefstadt. Sie sind dagegen. Warum?

KARL JOSEF RÜHL: Weil das keine Lösung ist. Es gibt bessere. Es gibt Initiativen der Discounter, die etwa in Berlin die Läden abreißen, Tiefgaragen bauen, fünf bis sechs Stockwerke draufsetzen. Es gibt seriöse Schätzungen – Dr. Reiter, der OB von München hat das gesagt – dass in Deutschland etwa eine Million Wohnungen auf solchen Flächen möglich wären.

Ob das stimmt, sei dahingestellt. Aber jede Nachverdichtung in Frankfurt, egal wo, bringt Proteste. Die einen sagen, die Grundschule ist zu klein, die anderen sagen, wir haben nicht genug Parkplätze, zu viel Verkehr, etc. Kann man auf alle Rücksicht nehmen?

RÜHL: Zur Nachverdichtung kann ich nur sagen, dass München 30 Prozent mehr Fläche hat als Frankfurt, aber doppelt so viele Einwohner. Also müsste Frankfurt noch jede Menge Fläche haben.

Ja, aber das sind Grünflächen, es ist der Grüngürtel, es ist der Stadtwald…

RÜHL: Ich bin nicht dafür, überhaupt nicht neu zu bauen und nur gnadenlos nachzuverdichten. Aber ich bin auch nicht dafür, landwirtschaftlich wertvolle Flächen zu opfern. Alleine durch den Klimawandel werden wir große Probleme bekommen. Bis 2050 sollen es neun Milliarden Menschen auf der Welt sein. 90 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sollen durch den Klimawandel an Ertragskraft verlieren. Es wird große Wanderungsbewegungen geben – man schätzt 700 Millionen, zehnmal mehr, als momentan als Flüchtlinge gezählt sind. Wahrscheinlich gib es auch Hungersnöte, und Deutschland kann sich mit seinen Flächen kaum versorgen. Wohnungen sind sicher wichtig, aber offene, landwirtschaftlich nutzbare Flächen dürfen erst ganz zum Schluss geopfert werden, Erst müssen alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft worden sein.

Was ist jetzt an Ihrer Fläche so besonders? Ich sehe einen flachen, leeren Acker, er ist abgeräumt, das Getreide ist geerntet. Im Hintergrund sehe ich Stromleitungen und die Autobahn. Was ist daran so wertvoll, dass man da gerade nicht bauen soll?

RÜHL: Zum einen gehört die Bodenwertigkeit hier zum Besten, was wir in Deutschland und weltweit haben.

Sie können da am meisten darauf ernten pro Hektar?

RÜHL: Ja, er ist sehr ertragreich wegen der Bodenqualität. Es ist nah an der Stadt, wir haben keine großen Transportwege.

Die Nahversorgung Frankfurts wird doch durch die Wetterau gewährleistet. Da braucht man doch Sie nicht.

RÜHL: In der Wetterau gibt es viele Leerstände, weil die Leute wegziehen. Die Landflucht setzt doch erst ein, weil das Land von der Politik so lange vernachlässigt worden ist. Jetzt gehen die Leute weg und wollen in die Stadt. Die Digitalisierung bietet doch die Chance, viele Jobs von zu Hause aus erledigen. Versicherungen, Banken, kaufmännisches und anderes.

Dann muss das Umland aber mitmachen. Dann muss Oberursel sein Baugebiet Bommersheim Süd endlich voranbringen…

RÜHL: Oberursel baut ja. Auch die S-Bahn soll ja ausgebaut werden, das Umland macht mit. Aber müssen alle Firmen nach Frankfurt ziehen? Müssen alle Verwaltungen in Frankfurt sein? Der Druck ist ja ausgelöst worden, weil das Land so sehr vernachlässigt worden ist. Jetzt steht dort der Wohnraum frei, der hier so dringend gesucht wird.

Die meisten der Arbeitnehmer Frankfurts wohnen ja gar nicht dort, sie sind Pendler. Aber dann müssen auch die Straßen und S-Bahnen vorhanden sein. Was wir heute haben, ist ja vor 40, 50 Jahren entstanden. Und wenn heute etwas gebaut werden soll, stehen sofort die Bürgerinitiativen mit den Transparenten da. Was sind Ihre Lösungen?

RÜHL: Man könnte ja die Digitalisierung nutzen und mehr Heimarbeitsplätze ermöglichen. Schnelles Internet und zu Hause ein Büro, dann spart man die Pendelei. Das geht doch, bei Banken, Versicherungen, Büros…

Von den 570 000 Arbeitsplätzen in Frankfurt werden Sie nicht 30 Prozent nach Hause verlagern können. Tatsache ist nunmal, Frankfurt wächst um 12 000 Einwohner jährlich. Wir müssen bauen.

RÜHL: Aus unserer Sicht sind unsere Böden zu wertvoll.

Würden Sie die ganze Josefstadt ablehnen oder nur das Gebiet westlich der Autobahn, das nahe an Weißkirchen und Steinbach liegt?

RÜHL: Ich bin ein Hardliner. Ich bin mit dem BUND auf einer Linie. Das Ziel muss Bodenversiegelung Null sein. Keine Josefstadt östlich und keine westlich der Autobahn. Frankfurt muss verdichten – aber da baut man nur Luxuswohnungen, die die meiste Zeit des Jahres leer stehen. Die Wohntürme, die entstehen, sind laut Mike Josef nicht für Sozialwohnungsbau geeignet. Meine Vorstellung: Alle drei Einkommensschichten zusammenführen. Unten, wo man günstig bauen kann, ist geförderter Wohnraum möglich, darüber normale Marktmieten und obendrüber Eigentumswohnungen. Dann habe ich soziale Mischung in einem Wohnhochhaus. Wenn man hingegen so baut, wie die Josefstadt, dann muss man nur mal nach Paris schauen, wo die sozial Schwachen in den Vorstädten wohnen – und was dort los ist.

Haben wir ja auch, solche Bausünden. Aber schauen Sie sich doch mal den Riedberg an. Das ist ein Neubaugebiet, da war vorher auch Acker. Gefällt es Ihnen nicht?

RÜHL: Darüber kann man streiten. Der Riedberg war in Deutschland das Gebiet gewesen mit dem tiefsten Lehmlößböden. Die haben teilweise zwölf Meter tiefe Lehmlößböden gehabt. Da hätte man acht Meter abtragen können und immer noch ernten. Dass Frankfurt innerstädtisch maßvoll wächst, mit Augenmaß, in Abstimmung mit den Bürgern, ist in Ordnung. Wenn ich die Heerstraße entlang fahre, dann sehe ich einen riesigen Rewe-Markt, neu gebaut. 1200 Quadratmeter Grundfläche, viele Parkplätze. Nebendran ist Daimler. Wenn man Rewe zur Auflage gemacht hätte, zwei bis drei Stockwerke noch draufzusetzen, dann hätte man 3600 Quadratmeter Wohnfläche gewonnen. Wir müssen umdenken, es geht nicht mehr in der Fläche.

Der Druck auf die Städte ist doch so groß, dass es nicht mehr reicht, moderat zu bauen. Der Druck ist so groß, dass wir bauen müssten wie in den 50er Jahren: Schnell, viel und günstig. Schon alleine, um die Mietpreise wieder ins Maß zu bringen. Oberursel ist ja auch sehr teuer geworden.

RÜHL: Es wird viel durch die Spekulation bestimmt. Nach Frankfurt oder München kommt ja eine sehr einkommensstarke Klientel. Für die spielt die Miete keine Rolle. Die Spekulation alleine macht ja schon 30 Prozent aus – eine Immobilie für eine Million Euro ist nur 700 000 Euro wert, der Rest ist Spekulation. Aber es gibt ja noch andere Faktoren. Zum Beispiel die größeren Ansprüche. Die Familie meiner Frau hat früher mit drei Kindern auf 60 Quadratmetern gewohnt. Und wir, die Rühls, haben früher auch sehr beengt gewohnt. Es waren keine 60 Quadratmeter, und der Rest war vermietet an Schlafgäste. Wir hatten für alle Leute auf dem Flur ein Klo, da haben wir morgens Schlange gestanden. Das wäre heute unvorstellbar. Aber heute sind ja 70 Quadratmeter pro Person gar nichts.

Wie würden Sie der Wohnraumnot abhelfen?

RÜHL: Wir haben viel Wohnraum, aber er ist schlecht organisiert. Da sitzen alte Leute in großen Wohnungen, weil sie keine bezahlbaren kleineren finden. In Frankfurt kommt der Leerstand an Büroflächen hinzu. Trotzdem werden am Hauptbahnhof zwei neue Bürotürme gebaut. Die Stadt sollte, ehe sie die Josefstadt baut, die Eigentümer der leerstehenden Büroflächen etwa in der Bürostadt enteignen. Oder sie auffordern, die Flächen in Wohnraum umzuwandeln. Unten eine Concierge, damit die Bewohner Ansprechpartner haben. So kann man der Verwahrlosung entgegenwirken.

Aber das ist doch kein Entweder Oder. Frankfurt braucht trotz aller Verdichtung neue Baugebiete.

RÜHL: Bei diesen Flächen wie in der Josefstadt geht es nicht um günstigen Wohnraum, sondern um Flächen, die man Investoren günstig zur Verfügung stellt, und nachdem sie die für kleines Geld gekauft haben, geht die ganze Spekulation los. Dann kannst du nehmen, was du willst.

Es gibt nicht genug Wohnungen am Markt. 12 000 neue Einwohner jedes Jahr – es muss gebaut werden. Warum also nicht in der Josefstadt? Wenn ich mich umdrehe und nach Weißkirchen schaue: Das ist ja auch mal gebaut worden. Da war vor 50 oder 60 Jahren doch auch alles Acker.

RÜHL: Wenn Sie so weit zurückgehen – von 800 Einwohnern sind wir bei 5000. Aber wenn Frankfurt Wohnraum braucht, habe ich noch ein paar Vorschläge. Es war möglich, eine Landebahn in den Bannwald zu bauen. Warum kann man nicht auch einen Stadtteil da bauen? In Sachsenhausen darf wegen des Fluglärms nicht mehr gebaut werden – warum eigentlich nicht? Wer hinzieht, weiß doch, was ihn erwartet. Oder was ist mit dem Rebstockgelände? Dort könnte man 12 000 Wohnungen bauen, hat ein Architekt gezeigt. Dieses Gelände steht doch meist leer. Es liegt mitten in der Stadt, und es gehört der Stadt. Wenn Frankfurt bauen will, soll es doch dort bauen und uns hier unsere Ackerflächen lassen.

Sollte Frankfurt seinen allerheiligsten Grüngürtel antasten?

RÜHL: Nein. Aber der Acker hier gehörte bis 1972 teilweise zu Oberursel. Frankfurt hat ihn übernommen, um ihn vor Bebauung zu sichern. Weil es nämlich damals schon als wichtige Kaltluftschneise identifiziert war. Die kühle Luft aus dem Taunus fließt in die Stadt. Das hat man 1972 gewusst. Heute soll das nicht mehr gelten, da will man genau hier bauen und damit die kalte Luft stoppen. Und das, obwohl Frankfurt sich noch mehr aufheizt als das Umland. Frankfurt könnte den Acker zum Bestandteil des Grüngürtels machen, wenn wir ihn weiter landwirtschaftlich nutzen können.

Hoffen Sie auf den Wahlkampf? Machen Sie es zu einem Wahlkampfthema?

RÜHL: Der Wohnraummangel wird ein Wahlkampfthema werden. Die Politik ist schnell mit Versprechungen. Aber in den kommenden 15 bis 20 Jahren wird sich kaum etwas machen lassen…

Weil es bei uns ewig dauert, etwas in die Pötte zu kriegen…

RÜHL: Wir stehen als Eigentümer nicht alleine. Wir finden in Oberursel bei allen Parteien Zustimmung, sogar bei Sozialdemokraten. Wir kennen die SPD-Siedlungen aus den 70er Jahren. Wir sind uns alle einig: Organisches Wachstum sieht anders aus. Da stampft man schnell was aus dem Boden, hinterher hat man Probleme.

Nun gut, andere haben die Probleme jetzt. Die Probleme hat jeder, der eine Wohnung sucht. In den vergangenen Jahrzehnten ist zu wenig geschehen. Mit dem Ende der Neuen Heimat und dem Verkauf der Sozialsiedlungen – man hat gesagt, wir brauchen das nicht mehr – sind die Probleme entstanden. Finden Sie nicht, dass die Politik darauf reagieren muss? Sie muss, auch wenn es dabei Opfer geben wird.

RÜHL: Deswegen sind wir ja da. Wir werden darum kämpfen, dass die Ackerfläche bleibt. Wir haben gesehen, wie der Wohnbedarf pro Kopf gestiegen ist. Ich komme bald in Rente und sehe, was da übrigbleibt. Viele werden sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können…

Für mich ist es ein Wahlkampfthema und ich hoffe auf sehr viele Gleichgesinnte, die mir Ihre Erststimme bei der Landtagswahl Hessen im Wahlkreis 35 Frankfurt II am 28.10.2018 geben werden.